Im Märchenzelt von Octavia Kliemt
Zwischen Heerlagern und Marktständen steht auf manchen Mittelaltermärkten ein Zelt, in dem die Zeit anders tickt. Perlenketten, alte Lampen, Felle auf Strohballen, mittendrin eine Frau, die Märchen aus aller Welt erzählt. Für unsere Reihe „Hinter den Kulissen" verrät die Hamburger Märchenerzählerin Octavia Kliemt, wie man zu diesem Handwerk findet, was in ihrem Zelt geschieht und warum sich sogar eine Fußballmannschaft zu ihr aufs Schaffell setzte.
Eine Märchennacht, die alles entschied
Am Anfang stand kein Plan, sondern ein Erlebnis. Octavia Kliemt besuchte eine lange Märchennacht, in der verschiedene Erzählerinnen und Erzähler ihre Geschichten frei vortrugen, und wusste danach sofort, was sie wollte. „Dann war es klar, das will ich auch, das ist mein Herzensanliegen", erinnert sie sich. Ihr erstes Publikum saß gleich zu Hause, ihre damals kleine Tochter war, wie sie sagt, „ein herrliches Übungsfeld". Geschichten und Märchen liebt die Tochter übrigens bis heute.
Stöberst du auf ihrer Website maerchenbrunnen.eu, merkst du schnell, dass diese Leidenschaft eine lange Vorgeschichte hat. Schon als Kind erzählte sie abends ihrer älteren Schwester Märchen und selbst erfundene Geschichten. Später studierte sie Eurythmie, stand mit einer Ensemble-Gruppe in Märchen- und Legendenrollen auf Tourneebühnen und unterrichtete an Waldorfschulen. Seit 1998 bildet sie sich intensiv als Märchenerzählerin fort und ist Mitglied im Märchenforum Hamburg, einem Zusammenschluss von Märchenerzählern und Märchenliebhabern, der die klassischen Volksmärchen aller Länder pflegt.
Ein Märchenzelt wie aus einer anderen Zeit
Perlenketten, alte Lampen und schöne Samttücher schmücken den Raum, gesessen wird auf Strohballen und Fellen. „Viele Menschen kommen zu mir ins Zelt und staunen. Sie finden es zauberhaft", erzählt sie. Und es gibt nicht nur Märchen auf die Ohren. Octavia Kliemt spielt verschiedene Instrumente, und viele Gäste bleiben einfach sitzen und lauschen der Musik, bevor oder nachdem die Geschichten erklingen.
Märchen aus der ganzen Welt, ausgesucht fürs Publikum
Ihre Geschichten sind alte, überlieferte Märchen aus aller Welt. Was sie auf einem Markt erzählt, entscheidet sie nach der Zuhörerschaft. Sitzen kleine Kinder vor ihr oder Erwachsene? Und der Ort spielt mit. „Da ich meistens auf einem Markt erzähle, wo auch etwas Trubel ist, müssen es spannende, lustige oder auch pfiffige Märchen sein", sagt sie. Vorbereitet wird zu Hause, und manchmal helfen Requisiten beim Erzählen, ein getöpferter Frosch etwa, ein Zauberstab oder ein alter Topf aus ihrer alten Schatztruhe.
Für Kinder wählt sie Märchen mit Tieren, zauberhaften Gegenständen, Hexen und alten weisen Frauen und Männern, und natürlich geht es oft um mutige Prinzen und schöne Prinzessinnen. Erwachsene bekommen anderes zu hören. „Wenn ich für Erwachsene Märchen erzähle, sind es oft Märchen aus fernen Ländern, die zum Nachdenken anregen oder in spannende, merkwürdige Gegenden führen", erzählt sie. Je nachdem, wie die Runde drauf ist, wird es witzig oder auch schaurig. Setzt du dich als Erwachsener aufs Schaffell, solltest du also nicht mit Kinderkram rechnen, Märchen wurden ursprünglich ohnehin für Erwachsene erzählt.
Gewandet bis zu den Schuhen
Octavia Kliemt erzählt nicht nur auf Mittelaltermärkten. Märchenwanderungen, Familienfeste, Kindergeburtstage und Weihnachtsfeiern gehören ebenso zu ihrem Repertoire. Der Unterschied steckt für sie im Gewand. „Auf einem mittelalterlichen Markt bin ich besonders gewandet, bis zu den entsprechenden Schuhen", sagt sie. Bei ihren übrigen Auftritten trägt sie ihre Märchenkleidung, die du dir auf ihrer Website anschauen kannst.
So sieht ihr Tag auf dem Mittelaltermarkt aus, bevor du kommst
Bevor die ersten Gäste ins Zelt schauen, hat Octavia Kliemt längst gearbeitet. Das Zelt oder Sonnensegel steht schon vom Vortag, die Lampen und Lichter werden vorbereitet, die Instrumente gestimmt und das eine oder andere Stück angespielt. Und dann ist da noch das wichtigste Werkzeug überhaupt. Sie bereitet sich so vor, dass ihre Stimme „kräftig und gut geölt" ist, denn frei erzählte Märchen leben von genau dieser Stimme, die einen ganzen Markttag lang tragen muss.
Die Fußballmannschaft im Märchenzelt
Ihre schönste Anekdote handelt von einem Abend auf dem Fest „Vielerley Feierey". Den ganzen Tag hatte sie Märchen erzählt, als eine gut gelaunte Fußballmannschaft an ihrem Zelt vorbeizog und lachte, Märchen könne man ihnen auch erzählen. Octavia lud die jungen Männer kurzerhand ein. „Tatsächlich kamen sie in mein Zelt und ließen sich von den Märchen und Geschichten begeistern", erzählt sie. Die Pointe folgte am nächsten Tag, als einer der Fußballspieler mit seiner Freundin zurückkam und sich gleich noch einmal Märchen anhörte. Andere übrigens, denn dieselbe Geschichte erzählt sie an einem Tag oder Wochenende selten zweimal.
Was sie ihren Gästen mitgeben will
Auf die Frage, was mehr Menschen über die Kunst des freien Erzählens wissen sollten, antwortet sie nicht mit Technik, sondern mit ihrem Anliegen. „Die Menschen, die bei mir im Zelt sind, möchte ich mit den Märchen und Geschichten für eine Zeit in eine Zauberwelt entrücken. Und ihnen Freude, Spaß und Lebenslust mit in den Alltag geben", sagt sie. Ihr Credo passt in einen Satz, und der klingt nach jedem guten Märchen. „Alles wird am Ende gut!"
Und wenn sie einem Kind erklären müsste, was sie eigentlich tut? Dann klingt das so:
„Liebe Kinder, ich erzähl euch Märchen und Geschichten von Prinzessinnen, Prinzen, Zauberern, Tieren und anderen Wesen, die Freude, Spaß und Abenteuer erleben wollen."
Wenn du auf einem Markt an einem Zelt mit Perlenketten, alten Lampen und Fellen auf Strohballen vorbeikommst, schau hinein und setz dich dazu. Welcher Mittelaltermarkt als Nächstes in deiner Nähe stattfindet, zeigt dir unsere Karte mit allen Events. Mehr über Octavia Kliemt, ihre Termine und ihre Angebote von der Märchenwanderung bis zur Weihnachtsfeier findest du auf maerchenbrunnen.eu.