Beitrag vom 12. August 2026

Splitternde Lanzen beim ANNO 1238 in Telgte

Märkte & EventsNordrhein-WestfalenMarktbericht

Als Bischof Ludolf von Holte dem kleinen Telgte im Jahr 1238 das Stadtrecht verlieh, kam das Marktrecht gleich mit. Knapp 800 Jahre später trägt der Mittelaltermarkt auf den Planwiesen an der Ems genau diese Jahreszahl im Namen. Wir waren am Sonntag, dem 9. August, beim fünften ANNO 1238 im Dümmert Park, von der Öffnung um 11 Uhr bis in den Nachmittag. Mitgeschrieben haben wir, wie dieses Fest mit dem Hochsommer umgeht, was die Sau im Brötchen kostet und warum die wichtigste Frage hier nicht lautet, ob du hinfährst, sondern wann.

Der Weg ins Fest führt an der Ems entlang

Ob du mit dem Auto oder mit der Bahn kommst, macht für den Fußweg kaum einen Unterschied. Die Besucherwiese liegt an der B 51 mit Zufahrt über die Westbeverener Straße, vom Bahnhof Telgte sind es rund 900 Meter, und beides läuft sich bequem. Vier Euro kostet der Stellplatz pro Tag und Fahrzeug, die Einweiser waren freundlich und zügig.

Der Rest ist durchgehend ausgeschildert und gehört eigentlich schon zum Fest. Der Pfad führt unter einer Brücke hindurch und dann zwischen Ems und Waldrand entlang, schattig und still, und mit jedem Schritt rückt die Gegenwart ein Stück weiter weg. Irgendwann hängt das erste Banner des Veranstalters zwischen den Weiden. Verlaufen kann sich hier niemand, einstimmen dagegen jeder.

Ein Markt, der den Hochsommer mitdenkt

Der erste Eindruck täuscht, und zwar im besten Sinn. Vom Eingang aus wirkt das Gelände überschaubar, tatsächlich zieht sich der Markt sehr viel weiter, als du zunächst siehst. Er liegt auf Gras statt auf Pflaster, gut zur Hälfte unter alten Baumkronen, und die Stände reichen zwischen den Stämmen bis ans Emsufer.

An einem heißen Augusttag ist dieser Schatten bares Geld wert. Der Veranstalter legt noch nach, mit Sprühnebeldüsen und Rasensprengern zum Drunterlaufen, dazu luftige Zelte über dem baumlosen Teil. Das ist kein Zufall, sondern angekündigt, und es geht auf. In der prallen Sonne mussten wir an diesem Tag keine Minute anstehen.

64 Heerlager, und du läufst mitten hindurch

64 Heerlager führt die Teilnehmerliste zum ANNO 1238, von einem Schottenlager über Friggas Frauen bis zu den Amsivaren. Der Begriff steht hier nicht nur im Programm, sondern auf den hölzernen Wegweisern quer über das Gelände.

Was uns daran besonders gefiel, ist die Aufteilung. Die Lager stehen nicht abseits am Rand, wie man es oft erlebt, sondern sind ins Gelände eingewoben. Du kommst automatisch vorbei, bleibst hängen, kommst ins Gespräch. Mal ging es um das Lagerleben selbst und darum, was man Einsteigern rät, mal um die Rüstungsteile, die vor dem Zelt auf ihren Träger warten.

Wo aus Zuschauen ein Gespräch wird

Am längsten sind wir bei den Färbekesseln hängen geblieben. Über offenem Feuer hing der Sud, darin Stoff in einem satten Gelb, daneben trockneten Garne und Tücher an einer Stange in allen Schattierungen von Butter bis Ocker. Wie viel Pflanze, wie viel Zeit und welche Beize es für welchen Ton braucht, versteht sich vor so einem Kessel schneller als in jedem Buch.

Wo das Lager aufhört und der Markt anfängt, ist dabei kaum zu merken, und die Gespräche werden an den Ständen nicht flacher. Ein paar Schritte weiter hängt zwischen den Stangen das handgestickte Banner vom Kräuterfräulein Wohlgemuth, dahinter stehen die Tische voller Kräuter. Karin Wohlgemuth ist mit ihrer Wilden Wiese auf Märkten in Nordrhein-Westfalen und Bayern unterwegs und nimmt Gäste mit durch die Apotheke unserer Vorfahren, vom Kraut, das früher ins Bier gehörte, bis zu der Pflanze, die gebrochene Knochen heilen sollte.

In Telgte staubt es an mehreren Plätzen

Gekämpft wird auf dem ANNO an mehr als einer Stelle, und das ist beim Planen wichtig. Der große Turnierplatz mit der hölzernen Bande trug am Sonntag das dichteste Programm. Um 13 Uhr durften dort Kinder gegen Ritter antreten und den Kirchenschatz retten, eine halbe Stunde später maßen die Heerlager ihre Kräfte, und am Nachmittag traten die Schwertkämpfer von Bellator Noctis an, eine Gruppe für Vollkontaktkampf, die aus Telgte selbst kommt.

Ein weiterer Kampfplatz liegt kleiner und offener zwischen den Lagern, und dort ging es zu Fuß zur Sache. Zwei Fechter, ein Steppenkrieger in Lamellenrüstung gegen einen Kämpfer im Gambeson, dazwischen so wenig Abstand, dass du in der ersten Reihe die Schläge hörst, bevor du sie siehst.

Splitternde Lanzen und ein Ritt durchs Feuer

Um halb drei gehörte der Turnierplatz den Reitern von Mandshur Tengri. Die Gruppe sitzt auf dem Floringshof in Rhinow und tritt mit eigens ausgebildeten Pferden an, mit historischen Kampftechniken, Trickreiten, Stunts und Pyrotechnik.

Was sie in Telgte zeigten, war greifbar und laut. Zweikämpfe zu Fuß und zu Pferde, und dann die Ritte mit eingelegter Lanze, bei denen der Holzschaft im Treffer zerbirst und die Splitter über die Bahn fliegen.

Zwischen den Gängen ritten die Kämpfer an die Bande, grüßten die Gästeschar und suchten immer wieder das Spiel mit dem Publikum. Dieser Wechsel aus Wucht und Augenzwinkern hat den Platz für uns getragen, und er ist der Grund, warum wir länger stehen geblieben sind als geplant.

Zum Ende der Vorstellung brannte eine Feuerlinie quer über den Sand, und die Reiter kamen im Galopp dahinter hervor. Das große Feuerreiten stand am Sonntag erst um halb sieben auf dem Programm, da waren wir längst wieder unterwegs. Wer den Tag ganz auskosten will, sollte den Abend also einplanen.

Musik, die dem Schatten folgt

Auf der Bühne spielte Fabula, seit 1995 unterwegs und nach eigener Zählung mit über 800 Mittelaltermärkten im Rücken. Sackpfeifenmusik aus allen vier Winden nennen die Spielleute das selbst, mit einem hörbaren Einschlag aus Schottland und der Bretagne.

Durch den Tag begleitet haben uns Sonor Teutonicus, Spielleute aus dem Osnabrücker Raum, die Minnesang und Trinklieder auf Cister, Fiedel, Nyckelharpa und Trommel bringen. Mittags lagen ihre Zuhörerplätze in der prallen Sonne, am Nachmittag zog die Musik kurzerhand unters große Zelt. Mit offenen Seiten, Schatten und ein wenig Zug ließ es sich dort deutlich besser lauschen. So beweglich möchte man ein Fest bei diesen Temperaturen geführt sehen.

Ein Strohhut, brennende Fackeln und kein Bühnenplan

Zwischen den Bühnen läuft auf dem ANNO ein zweiter Takt, den niemand groß ankündigt. Auf dem Gauklerplatz hatte ein Feuerjongleur binnen einer Minute einen Ring von Zuschauern um sich versammelt. Er ließ brennende Fackeln über Kopfhöhe kreisen, nahm danach den Strohhut ab und balancierte ihn auf dem Gesicht weiter, und weil er ein Headset trug, lief die Ansage die ganze Nummer über ohne Pause mit.

Der Programmzettel wechselte an diesem Sonntag im Halbstundentakt zwischen Gauklern, Theater, Musik und Schaukampf, verteilt auf mehrere Spielorte. Wer nur die Hauptbühne im Blick behält, verpasst die Hälfte davon.

Sau im Brötchen und Wikinger-Eis

Hungrig bleibt in Telgte niemand. Die Auswahl reichte von Gegrilltem über Pulled Pork, Lachs und Schupfnudeln bis zu vegetarischen Gerichten, zur Abkühlung gab es Wikinger-Eis und Milchshakes. Preislich liegt das im oberen Mittelfeld, also dort, wo Märkte heute nun einmal liegen, aber ohne Ausreißer nach oben.

Unsere Wahl fiel auf die Sau im Brötchen für 9 Euro, direkt vom Spieß. Die würden wir ohne Zögern wieder bestellen.

Getränkestände stehen reichlich über das Gelände verteilt, und dort bekommst du auch schlicht das, was ein heißer Augusttag verlangt. Der eine oder andere Schwarzwurzelsaft, wie die Cola auf dem Markt heißt, ist bei uns ebenfalls geflossen.

Der ehrliche Blick auf das ANNO 1238

Damit du uns nicht für gekauft hältst, hier auch das, was uns aufgefallen ist. Wir mäkeln dabei auf hohem Niveau.

Gewandete zahlen in Telgte denselben Eintritt wie alle anderen, am Sonntag also 16 Euro für Erwachsene und 9 Euro für Kinder. Wer unter dem Schwertmaß von 1,20 Meter bleibt, kommt frei hinein. Auf vielen anderen Märkten gibt es für Gewandete einen Nachlass, und mancher wird das hier vermissen.

Für Kinder ist im Programm gesorgt, am Sonntag mit Kinder gegen Ritter am Turnierplatz, dazu ein Rätselbogen im Piratenlager, ein Heuberg, Bogenschießen und die große Postkutsche. Bei festen Mitmach-Stationen darüber hinaus blieb die Auswahl allerdings überschaubar.

Und während uns am Tor gewandete Ritter des Veranstalters begrüßten, war er auf dem Gelände selbst danach kaum noch zu spüren. Nichts davon trübt das Bild ernsthaft. Unterm Strich war das ein rundum gelungenes Fest, und wir würden diesen Sonntag genauso wieder verbringen.

Nicht ob du hinfährst, sondern wann

Die übliche Frage, für wen sich ein Fest lohnt, läuft in Telgte ins Leere. Zwischen Ständen, Heerlagern und dem dichten Programm findet hier jeder etwas, und auch die Anreise aus dem weiteren Umland bereut niemand. Der Veranstalter zählt sein Fest inzwischen zu den größten Mittelalterveranstaltungen im Münsterland, und nach diesem Sonntag mögen wir ihm da nicht widersprechen.

Die bessere Frage ist, wann du kommst. Bis etwa halb zwei blieb es angenehm ruhig, ideal für alle, die in Ruhe stöbern oder fotografieren wollen. Danach füllte sich das Gelände spürbar, und wer das rege Treiben mag, bekommt ab dem frühen Nachmittag genau das. Dass ein deutlich größeres Fest denselben Sonntag ganz anders angeht, haben wir beim MPS Bückeburg erlebt.

Alle Termine, Preise und die Anfahrt findest du auf unserer Seite zum ANNO 1238 in Telgte. Wer in der Gegend noch mehr sucht, wird in unserer Übersicht der Mittelaltermärkte in Nordrhein-Westfalen fündig.

Burg Panorama

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